Dating-Portale sind keine Resteverwerter

Ich hab es ja schon immer gewusst: Online nach einem Partner zu suchen ist genauso abenteuerlich wie die Offline-Balz. Genauso langwierig, gefährlich, erfolgversprechend, frustrierend, unterhaltsam, ernüchternd …

Christine Eichenberg, Professorin an der Wiener Sigmund-Freud-PrivatUniversität hat dies kürzlich bei einem Vortrag in Stuttgart (Landestag der Psychologie) bestätigt. Ihr Thema: Vom Online-Dating bis zur Online-Scheidung.

Das Risiko, getäuscht, betrogen oder ausgenutzt zu werden, ist beim Online-Dating nicht viel größer als im wirklichen Leben.

Geschummelt wird, wie wir alle wissen, vor allem bei Fotos und Figurangaben. Männer, die etwas kurz geraten sind, tragen bei der Größenangabe gerne ordentlich auf. Eichenberg rät, das erste Date nicht zu lange aufzuschieben. „Wartet man zu lange, können die in den Partner hineinprojizierten Erwartungen bereits unerfüllbar sein. Außerdem lässt sich beim ersten persönlichen Treffen auch prüfen, ob man sich nicht nur wundervolle Mails schreiben, sondern sich auch gut riechen kann.“

Ein gutes Drittel aller Paare lernt sich heute schon online kennen. Das leicht Anrüchige des Online-Datens ist verflogen, die meisten von uns gehen offen mit dieser Art der Partnersuche um. Warum auch nicht? Wir decken online einen großen Teil unserer Besorgungen und Bedürfnisse ab. Und „den Richtige“ an der Seite zu haben, zählt wohl zu einem unserer Primärbedürfnisse. Es sind also nicht nur die „Restln“, für Nichtwiener: die Übriggebliebenen, der Ausschuss, die Restposten auf den Dating-Portalen zu finden. Das Menschen-Angebot dort ist ein repräsentativer Querschnitt der Singles eines Landes.

Tatsächlich entwickelt sich eine im Netz entstandene Beziehung aber anders weiter als eine Offline-Liebe. Eichenberg dazu: „Wenn es dann tatsächlich passt, entschließen sich Internet-Paare rascher zum Heiraten.“ Die Erklärung dafür sieht die Psychologin zum Teil in der Dynamik der Beziehungsentwicklung im Internet. „Es hängt stark mit dem Selbstoffenbarungsseffekt zusammen, der für die Internetkommunikation … nachgewiesen ist.“ Ich glaube, diese Erfahrung haben wir alle schon gemacht: Es schreibt und spricht sich rascher offener mit einem de facto Fremden. „Dadurch“, so Eichenberg, „entsteht gefühlt Vertrautheit und Nähe, was wiederum die Bereitschaft zu einer dauerhaften Bindung erhöht. Es ist ein Kennenlernen von innen nach außen. Offline würde man zuerst auf das Aussehen, die Augen, die Hände,das Lächeln oder andere Merkmale achten, die allesamt keine Garantie für dauerhafte Beziehungen darstellen“, so die Psychologin.

Man verliebt sich vielleicht in die Haselnussaugen, den Wuschelkopf oder den wohlproportionierten Körper. Die Liebe richtet sich auf Zeit dann aber auf anderes. Und das liegt innen drin in einem Menschen. Und es will entdeckt werden.

Foto: library of congress

 

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